Die Pfarrkirche St. Jakobus in Mastholte (Erbaut 1653 – 1691)

Von Bert Bertling

Wir erinnern uns: Schon im 12. Jahrhundert hatte Mastholte eine kleine Kapelle, die von Wadersloh kirchlich versorgt wurde. 1570 wurde aus den Gebieten Mastholte, Nordfechteler und dem größten Teil von Moese das Kirchspiel Mastholte – Bedingung: alle mussten evangelisch werden, wie bereits seit 1537 die übrige Grafschaft Rietberg evangelisch war. Mit der Gründung des Kirchspiels gehörte Mastholte also seit 1570 zur Grafschaft Rietberg.

ERST EVANGELISCH, DANN KATHOLISCH

Die Kapelle war dem Schutzpatron der Haustiere, dem Heiligen Antonius geweiht, der daher „Swinetüns“ genannt wurde. Diese Kapelle machte Rietbergs Landesherr Graf Erich von Hoya zur ersten Pfarrkirche mit umliegendem Friedhof. 1610 wechselte das Grafenpaar Johann III. und Sabina Catharina wieder zum katholischen Glauben; das mussten dann auch die Untertanen in Mastholte.

Der zuständige katholische Bischof in Osnabrück aber blieb skeptisch ob dieses schnellen Wechsels wieder in die katholische Kirche. Auch die evangelischen Nachbarn hegten ihre Zweifel. Denn das Ganze hatte politischen Charakter: In evangelischer Zeit nämlich hatten die Rietberger Grafen das Recht, die Pastöre selbst auszusuchen und zu ernennen. Zwar behielten sie dieses Ernennungsrecht. Aber das katholische Osnabrück versuchte dennoch, stark mitzureden!

Aus diesem Umstand zog Mastholte nun durchaus seinen Nutzen. Denn Rietberg wollte – eben zur Sicherung seiner kirchenrechtlichen Hoheit – die Osnabrücker Kirchenoberen besänftigen. Die Grafen erboten sich daher um 1650, für Mastholte eine neue Kirche zu bauen, denn die kleine Kapelle am Haustenbach war inzwischen baufällig. Man wollte so demonstrieren, dass man nach der evangelischen Zeit jetzt dem katholischen Glauben wieder alle Aufmerksamkeit widmete. (1)

Fünf Jahre nach Beendigung des Dreißigjährigen Krieges, 1653 begann man mit dem Bau der heutigen Mastholter Pfarrkirche, schon drei Jahre später fand dort der erste Gottesdienst statt, aber erst 1658 weihte der Osnabrücker Bischof üblicherweise anlässlich seiner Firmreise die neue Kirche. Jetzt aber wählte man nicht mehr St. Antonius zum Pfarrpatron. Der behielt ja noch 15 Jahre bis 1673 seine Pfarrkapelle in Mastholte-Süd (dann wurde sie, baufällig, abgerissen). Im nächsten Jahr also will St. Jakobus Mastholte den 350. Jahrestag der Kirchweih begehen.

VON ANTONIUS ZU JAKOBUS

Schon seit dem frühen Mittelalter gab es die bekannte Pilgerbewegung nach La Compostela. Millionen erreichten schon damals über ein verstreutes Netz von Pilgerstraßen den Ort an der spanischen Atlantikküste. Eine solche Pilgerbewegung, die im Mittelalter im Verhältnis zur Bevölkerung sicherlich noch größere Bedeutung hatte als heute, wo bis zu 4 Millionen jährlich dort hinpilgern, ließ mit großer Wahrscheinlichkeit auch den Grafen von Rietberg nicht unbeeindruckt. Lag doch Mastholte an einem dieser Pilgerwege von Herford/Bielefeld über Rietberg und Mastholte nach Lippstadt, Soest über Köln weiter nach Spanien. Solche Wallfahrten dauerten in der Regel zwei Jahre oder mehr. Man legte zu Fuß und Pferd etwa 30 km täglich zurück.

Durch die Bedeutung der Wallfahrtsstrecke entstanden so genannte Pilgerstätten. Man musste übernachten, versorgt werden und hielt sich womöglich nach Tagen der Wallfahrt zum Kräfteschöpfen länger auf. Solche Punkte waren für die einheimische Bevölkerung eben auch geschäftlich interessant. Das ist wohl die Erklärung für die Wahl des Pfarrpatrons St. Jakobus des Älteren. Freilich gibt es dafür bisher keine konkreten Belege.

Es gab einst das Gerücht, die neue Kirche sei 1653 an einen vorhandenen Wehrturm angebaut worden. Das habe ich in meinem Buch von 1997 über Mastholte entsprechend richtig gestellt. Nimmt man nämlich den Bauvertrag, den Graf und Baumeister miteinander vereinbarten, so wird schnell deutlich, dass an der beabsichtigten Stelle kein Turm stand, denn im Vertrag vereinbarte man, eine Kirche mit Turm zu bauen! Es ist dort auch nicht die Rede von einem vorhandenen Turm. Ich habe den vollen Wortlaut des Vertrages und die Entwicklung dieser Geschichte damals im Buch ausführlich dargelegt. (2)

Die Ironie will es, dass es schließlich sogar noch umgekehrt war: Zuerst stand die Kirche und erst nach und nach wurde der Turm fertig. Baubeginn der Kirche 1653, Einweihung 1658, Fertigstellung des Turms 1691!

STANDORT DER NEUEN KIRCHE

Ein Wort noch zum neuen Standort der Kirche: Wir erinnern uns, die Vorgängerin, die St. Antonius-Kapelle, stand ja in Mastholte-Süd. Das Gelände der neuen St. Jakobus-Kirche im Dorf aber gehörte zum Drostenhof Graswinkel in Moese-Hammoor, auf dem der Verwalter der Grafschaft Rietberg bekanntlich residierte. Die Vermutungen, der Verwalter der Grafschaft wollte die Kirche näher zum Graswinkel sehen und nutze bei dieser Gelegenheit seine Möglichkeiten, bewahrheiteten sich so.

Die von Balckes, Erbdrosten auf Graswinkel damals, diese Verwalter zur Zeit des Kirchbaus sollen im Altarraum der St. Jakobus-Kirche ihre letzte Ruhestätte gefunden haben. Notwendige Erdarbeiten bei der Anlage einer Heizung im letzten Jahrhundert bestätigten das Vorhandensein eines Grabes im Chorraum, was übrigens zur damaligen Zeit so ungewöhnlich nicht war.

EIN FRANZISKANER ARCHTITEKT?

Sankt Jakobus Mastholte ist ursprünglich als flacher Saalbau mit einer Holzdecke konzipiert und so auch zunächst gebaut worden. – Schlichter konnte eine Kirche auch damals nicht gedacht und entworfen werden. Sein Gewölbe erhielt der Bau erst im 19. Jahrhundert (1857). (3)

Lediglich die lichten Masse in der Länge von 33,20 m und der Breite von 9,60 m galten auch seinerzeit als bemerkenswert. Ohne Sockel führte Baumeister Armst das Gebäude aus Kalkbruchsteinplatten aus. Für die Schmuckgliederungen wie Eckquader, Regenschlagleisten, Gesims und Fenstergewände verwendete er den gelblichen Osning-Sandstein aus einem Steinbruch bei Lemgo, der ihm wohl zur Verfügung stand. Vor allem aber das wunderschöne Portal leuchtet noch heute gelb-braun-sand-steinfarben in der westlichen Abendsonne und dominiert den Kirchplatz.

Auffällig ist die Position des Mastholter Kirchturms. In Westfalen wurde er in der Barockzeit schon aus statischen Gründen vor die Westseite des Langhauses gesetzt, um dem Druck der Gewölbe ein Gegengewicht zu geben. Nicht so in Mastholte. Hier steht er neben dem Westportal. Die flache Holzdecke des Langhauses erzeugte keinen Außendruck.

So konnte man alles in allem erhebliche Mittel für teure Konstruktionen sparen. Unmittelbar nach dem 30-jährigen Krieg eine verständliche Maßnahme. Man darf wohl vermuten, dass nicht Bauherr Armst, sondern ein Franziskaner „Architekt“ bei diesem Kirchbau spielte. Die spartanische Denkweise franziskanischen Lebens reichte bis in die Baukultur hinein. (4)

In der Tat lassen sich Ähnlichkeiten zwischen der Franziskaner-Kirche in Rietberg und der Mastholter Pfarrkirche nicht übersehen: Beide waren ursprünglich gewölbelose, mit flacher Holzdecke versehene einschiffige Saalkirchengebäude. Beide stimmen in den Maßen genau überein, wie sie oben schon für Mastholte genannt wurden. Das trifft sogar für die Mauerstärken zu!

Weitere Gemeinsamkeiten: Die Langhausseiten sind durch vier Fenster gegliedert, die 3/8- Chöre sind sozusagen Fortsetzung des Langhauses, indem sie sich ohne architektonische Besonderheiten anfügen. Wenn man nun noch bedenkt, dass die Franziskaner in eben dieser Zeit eifrige Kirchbauherren in Ostwestfalen waren und sie eine enge Beziehung zum Rietberger Grafenhaus pflegten – denken wir ans Kloster -, so kann man nicht umhin zu konstatieren: Der Architekt der Mastholter Kirche muss ein Franziskaner gewesen sein!

Johannes (IV.), Graf und Herr von Ostfriesland und Rietberg, Herr in Esens, Stedesdorf, Wittmund und Mellrich, Kämmerer seiner Heiligen Kaiserlichen Hoheit, Adjutant der spanischen Majestät im Kriegsrat und Befehlshaber - Anna Katharina, Gräfin und Herrin von Ostfriesland und Rietberg, Herrin in Esens, Stedesdorf, Wittmund und Mellrich, geborene Gräfin von Salm und Reifferscheid, Herrin in Betburg, Dyck, Alfter und Hakenbroch. Im Jahr des Herrn 1653.

EINE SCHLICHTE BAUERSCHAFTSKIRCHE IM BAROCK

Die damalige Bauernschaftskirche war trotz ihrer zeitlosen Schlichtheit, die später durch verschiedene Maßnahmen aufgelockert wurde, in ihren Formen ein typischer Vertreter der westfälischen Sakralbauweise im Barock. Dazu gehört vor allem die Giebelseitenfassade, die ja zu einer prächtigen Architektur hätte einladen können. – Aber die vor das Satteldach gesetzte Giebelseite erscheint sehr schlicht: Die sonst üblichen Schmuckformen beschränken sich auf das Wesentliche: auf die Einfassung der Ecken durch die schon genannten Osningquader, durch das einmalig schöne Wappenportal mit dem Fenster darüber. Man kann sehr wohl zu dem Schluss kommen, die asketischen Franziskaner sparten allen landläufigen Schmuck und Verzierungen, die wir in der Barockkunst sonst kennen, zu dieser Zeit bewusst in ihren Bauten aus.

So mildern nur zwei horizontal verlaufende Regenschlagleisten den gotisch steilen Eindruck des Satteldachgiebels. Ein Rundfenster und eine ausgebildete Giebelspitze, vielleicht der vorgesehene Platz für ein Kreuz oder eine Jakobus-Figur, lockern den für Barock-Kirchen insgesamt doch auffallend schlichten oberen Fassadenteil auf.

Das großartige Säulenportal ist die Leistung eines Lippstädter Steinmetzen namens Leonard Gänser. (5) Er stellt die beiden Säulen auf hohe, rechteckige, ornamentierte Postamente. Über den Kapitellen begrenzen Kuben die ausführliche Stiftertafel. Das Portal selbst wird korbbogig überwölbt. Zwei aufrechtstehende Löwen halten das ostfriesischrietbergische Wappen. Auf den Kuben über den Kapitellen lesen wir die Fristvermerke:

Rechts „Anno 1653“ als Baubeginn, links die Meisterzeichen des Baumeisters und des Steinmetzen, die allerdings kaum noch zu sehen sind. Wie überhaupt das Portal einer dringenden Konservierung bedarf. (Die Inschriften der Stiftertafel siehe Foto-Unterschrift.) Der so genannte Baumeister war zugleich Architekt, Zimmermann, Dachdecker, Maurer und Schreiner in einer Person. Lediglich für die „Feinheiten“ wie Portal- und Fensterverzierungen wurde eigens der besondere Steinmetz aus Lippstadt hinzugezogen. Doch diesem gab der Bauherr präzise vor, wie er sich die Arbeiten dachte.

Im Staatsarchiv in Münster befindet sich das Original des Bauvertrages, den der Rietberger Graf Johann IV. mit dem Bielefelder Baumeister Gerd Armst am 8. Juni 1653 über die neu zu bauende Kirche schloss. Dieser Vertrag gibt einen hochinteressanten Einblick in die Art und Weise, wie seinerzeit Bauherren ihren Meistern Vorgaben für den zu erstellenden Bau machten. (6)

TURMBAU IN ETAPPEN

Der Bau der Kirche dauerte von 1653 bis zur Einweihung in 1658. „Der Bau verzögerte sich allerdings durch Mangel an Mitteln, durch den vorzeitigen Tod während der Bauzeit des beauftragten Baumeisters Gerhard Armst und vielleicht infolge sonstiger Schwierigkeiten.“ (7) Soweit Franz Flaskamp, der renommierteste Heimatforscher im damaligen Kreis Wiedenbrück, der hier auch wohl die Nachwirkungen des 30-jährigen  Krieges im Blick hatte. Die verheerenden Auswirkungen auch in der Grafschaft waren 5 Jahre nach dem Westfälischen Frieden (1648) noch allenthalben zu spüren.

Aber auch der Tod des Baumeisters Armst hatte weit reichende Folgen: Der Bau des Kirchturms unterblieb nämlich zunächst. Anfangs gab es nur das Erdgeschoss des Turms bis zur Deckenhöhe der Kirche, das jedenfalls lassen die noch erhaltenen Rechnungen über den Weiterbau des Turms vermuten. Erst ab 1663 dachte man wohl an eine Aufstockung, weil man in Süd die baufällige Kapelle aufgeben musste. Nachdem 1673 die Antonius-Kapelle abgerissen war, konnten nun auch die übrigens noch gotischen Kapellen-Fenster für den Turm verwendet werden. Drei davon geben Licht aus Süden in den Turm. Dieser wurde in Etappen bis 1691 bis zu seiner heutigen Größe fertig gestellt. Dies weisen die Kostenbücher zum Turmbau 1677 aus. (8)

Schließlich legten die Bauherren den Turm als Wehrturm aus, d. h.: Bei Gefahr von herumziehenden Banden oder Soldaten konnten die Bürger in den Turm flüchten, um Schutz zu finden. So wird aus der Legende vom allein stehenden Wehrturm aus grauer Vorzeit, wie das in Mastholte immer noch erzählt wird, umgekehrt ein Schuh draus: Der Kirchturm eignete sich neben seiner eigentlichen Aufgabe eben auch als Wehr- und Fluchtturm. Im oberen Turmgeschoss sind noch die Reste eines Umlaufs für den Wachdienst erkennbar.

Damals üblich bei Abbruch eines Gotteshauses: Auf Anordnung des Osnabrücker Bischofs mussten alle brauchbaren Materialien der Kapelle in Süd 1673 in der neuen Kirche verwendet werden. Da nur noch der Turm an St. Jakobus zu bauen war, verwendete man eben die noch brauchbaren Fenster für den Turm.

DER TURM – WAHRZEICHEN MASTHOLTES

Der fünfgeschossige quadratische Kirchturm hat eine Seitenlänge von 6,55 m. Die Mauern messen 1,15 m in ihrer Stärke, und zwar durchgehend bis zur barocken Haube. Die Geschosse sind durch Dielen voneinander getrennt. Der Turm ist nur von innen begehbar. Im Parterre befindet sich die schön ausgestaltete Kriegerkapelle, über die Orgelbühne gelangen wir in Den Turm, wo Pastor Senkowski ein kleines Museum eingerichtet hat, wo die Paramente und Sakralgeräte der Mastholter Kirchengeschichte zu besichtigen sind. Über neue Stahltreppen erreicht man heute den Glockenraum.

In den Gedächtnis-Kapelle im Erdgeschossmachen die kleinen Schlitzfenster aus der Antoniuskapelle eher den Eindruck von Schießscharten, weil sie im Vergleich zu den Kirchenfenstern gesehen werden. Die südlichen stammen, wie gesagt, aus der AntoniusKapelle.

Im dritten Turmgeschoss (ebenfalls Teil des Museums) sieht man die ehemaligen Schallfenster aus der Zeit, als noch dort nur die eine Glocke aus St.Antonius hing. Heute sind die rundbogigen, zweiteiligen Fenster, die innen übrigens flachbogig erscheinen, zugemauert. Vom dritten zum vierten Geschoss schließlich verzeichnen wir den schon erwähnten Materialwechsel vom Hoberger Sandstein zu vermutlich Ibbenbürener Sandstein.

Das vierte Geschoss deckte eine Eichenkonstruktion mit aufgelegten, größeren Pflastersteinen (der Wehrgang!). Das fünfte schließlich bildet mit einer Eichenbalkenkonstruktion, die ein wenig vorkragt und heute von der Turmuhr verziert ist, mit der barocken Haube von 1691, die dominante Spitze des gesamten Gebäudes.

Seitenlang zeigt sich die Rechnungslegung über die Aufstockung des Turmes von St. Jakobus Mastholte. Die umfangreichsten Arbeiten sind danach im Jahre 1677 erledigt worden. Dennoch sind die Glocken, die zur letzten Jahrhundertwende noch mit Inschrift und Datum von Eickhoff/Ludorf verzeichnet wurden, erst mit 1690 datiert. Dies lässt den zulässigen Schluss zu, dass erst dann der Turm endgültig fertig war. (9)

DIE GLOCKEN VON ST. JAKOBUS

Wichtiges Beweisstück für die spätere Fertigstellung des Kirchturms sind neben den Kirchbaurechnungen die Inschriften der Glocken: Sie datieren von 1690. In der von Ludorff/Eickhoff erstellten Zusammenfassung der „Bau- und Kunstdenkmäler des Kreises Wiedenbrück“ sind uns die Inschriften überliefert, wie ich sie in meinem Buch 1997 ausführlich geschildert habe.

Die damaligen Glocken von St. Jakobus gingen den Weg vieler Glocken im 1. Weltkrieg: 1917 lieferte man sie bei der Heeresverwaltung ab, wie die Pfarrchronik schreibt. Eingeschmolzen munitionierten sie die Gewehre der kaiserlichen Armee.

Schon 1920 bestellte sich die Jakobus-Gemeinde unter der Leitung des Pastors Aldejohann (1902 bis 1921) neue Glocken. Die Weihe im März 1921 sollte die letzte Amtsfunktion des Pfarrers sein: Er zog sich bei widrigem Wetter eine so starke Erkältung zu, dass er tags darauf das Bett nicht verlassen konnte und – so die Pfarrchronik – eine Woche später verstarb. Zwei der neuen Glocken aber gingen im 2.Weltkrieg den gleichen Weg: Auch sie wurden zu Munition verarbeitet. Im Jahre 1949 bestellte dann die Gemeindeleitung zwei neue Glocken. Sie tragen die Inschriften: „St. Jakobe venite Mastholte
1949“ (Sankt Jakobus! Kommt! Mastholte 1949) und „St. Maria adorate Mastholte 1949“ (Heilige Maria! Betet zu ihr! Mastholte 1949) (10)

Die dritte Glocke ist offensichtlich nicht eingeschmolzen worden im Zweiten Weltkrieg. Sie trägt das Datum von 1921 und die Inschrift: „St. Josef sakrifikate Mastholte 1921“ (Heiliger Josef! Huldigt ihm! Mastholte 1921)

BAUGESCHICHTLICHE EINORDNUNG

Die Vermutung, dass die Pläne des Baumeisters Armst für die Mastholter Kirche von anderer Hand stammen, ist sehr berechtigt. Man kann mit größter Wahrscheinlichkeit annehmen, dass die Vorgaben von einem baubeflissenen Franziskaner stammen. „Gerade zu dieser Zeit (des Neubaus von Jakobus Mastholte) entfaltete der Orden eine lebhafte Bautätigkeit in Westfalen, vor allem im östlichen Teil Westfalens.“ (11) Größer waren dort die Fenster nicht. So bekommt man eine Vorstellung von der ehemaligen Kapelle!

Wir wissen ja inzwischen, dass das Rietberger Grafenpaar sehr intensive Beziehungen zu den Franziskanern pflegte. Der Orden war ausschlaggebend beteiligt an der Ausbildung und Ausbreitung barocker Bautypen in Westfalen.

„So fortschrittlich dieser Orden bei der Rezeption der Gotik im 13. Jh. war, so sehr zehrt er jetzt von den alten Errungenschaften in einer Zeit, in der eine neue Blüte des Ordens auch auf baukünstlerischem Gebiet etwas Neues hätte erwarten lassen.“ (12) Die Erneuerung des franziskanischen Geistes in der Gegenreformation führte zunächst einmal im westfälischen Raum zum bewusstem Verzicht auf die Einwölbung und auf Seitenschiffe, und zwar nicht nur aus Kostengründen: Die franziskanische Mentalität dachte sich die Kirche als Saal, der den Prediger bis in die letzte Ecke sehen und hören ließ. Das passte allerdings auch gut zu den Idealen der Armut des Ordensgründers!

1619 schon entstand so die erste gewölbelose Kirche in Münster: die Klarissenkirche, danach verzeichnet Dehio die Franziskaner in Rietberg 1629, dann Attendorn 1637, Mastholte 1653 und schließlich 1673 die Klosterkirche in Warendorf und die Kapuzinerkirche in Paderborn. Die Kirchen waren alle mit einer Holzdecke im Innern und außen auffällig flach gedeckt. (13) Somit boten sie keine technischen Probleme, die Konstruktion aber erlaubte sehr kostengünstiges Bauen.

Leo Zeller wiederum nennt es ein „Gesetz der Abhängigkeit einer Landkirche von einer nahe gelegenen Ordenskirche … (es) lässt sich an der Bauerschaftskirche zu Mastholte und der Franziskanerkirche zu Rietberg eindeutig stilgeschichtlich belegen…. Von den Ausmaßen besitzen sie die gleiche lichte Breite und die Mauerstärke. Ihre Langhausseiten sind durch vier Fenster gegliedert, die 3/8-Chöre entwickeln sich aus dem Langhaus heraus.“ (14)

Zeller weist auch auf den dritten Bau im Bereich der Rietberger Franziskaner hin, der zu den ursprünglich gewölbelosen Sakralbauten zu zählen ist: Kaunitz, errichtet allerdings erst 1746. Das Fazit Zellers: „Es ist anzunehmen, dass die zuchtvolle Schlichtheit der Giebelfassade von Mastholte ebenfalls im Prinzip dem Aufbau der ursprünglichen, 1755 abgetragenenen Rietberger Westseite entlehnt war.“ (14) In Rietberg wurde die freie Westgiebelseite durch den Fortfall des Turmes zwangsläufig. Ihre Nachahmung in Mastholte ermöglichte und variierte die ungewöhnliche Platzierung des Turmes an der Südwestseite des Saalbaues.

Um die Jahrhundertwende zum 20. Jhd. erstellte man den Plan, die Kirche wegen der gewachsenen Gemeinde um ein nördliches und ein südliches Seitenschiff zu erweitern. 1906/07 konnte man das nördliche schon in Gebrauch nehmen. Über die Planung und den Baubeginn des südlichen brach der 1. Weltkrieg aus. Danach war an die Realisierung nicht mehr zu denken. So entstand das Kuriosum einer zweischiffigen Kirche in Mastholte zu Beginn des 20. Jahrhunderts.

Die Einwölbung des Kirchenraumes fand erst im 19. Jahrhundert (1857) statt, so die Chronik. Dadurch erhielt die Kirche einen weiteren barocken Anstrich. Die Gewölbe werden von zusätzlich eingebauten Säulen getragen. Dadurch nahm man eine Verengung des Kirchenraumes im Kauf. Die Veränderung der Raumwirkung aber dürfte erheblich gewesen sein.

Die Säulen im Altarraum wurden bei der Renovierung im Jahre 1957 (!) zu Vierecksäulen ummauert. Erst Pastor Senkowski bei der Renovierung 2000 ließ sie wieder in ihrer alten Schönheit „zurückzubauen“. Auch die Ausmalung der Kapitelle und Gewölbe, die der kunstsinnige Thaddeusz Senkowski veranlasste, lässt heute den Raum in schönster barocker Pracht erstrahlen.

Die Kapitellen haben übrigens erstaunliche Ähnlichkeit mit denen des Patrokli-Domes in Soest wie des Bauerndomes in Freckenhorst. Beide auch Restaurierungsarbeiten im vorigen Jahrhundert! – Die Ausstattung der Kirche mit den Kunstschätzen und die farbliche Ausgestaltung führt viele Menschen immer wieder zur Besichtigung nach Mastholte. In einer weiteren Darstellung werden wir zum eigentlichen 350-jährigen Kirchweihtermin im nächsten Jahr diesen schönen Innenraum betrachten.

Anmerkungen:

  1. Vergl. Bert Bertling „Mastholte – die Geschichte zweier Gemeinden: Moese und Mastholte“, 1997, Seiten 74 f
  2. ebenda, Seite 75 ff
  3. Georg Dehio „Handbuch der deutschen Kunstdenkmäler – Westfalen“, 1901, Neubearbeitung von 1969, Seite 320
  4. Vergl. Bertling, ebenda, Seite 86
  5. Ludorff/Eickhoff „Die Bau- und Kunstdenkmäler des Kreises Wiedenbrück“, Paderborn 1901, Seite 46
  6. Der Kirchbauvertrag von Graf und Baumeister Armst vom 8. Jan. 1653, ) Staatsarchiv Münster, Akten Grafschaft Rietberg V 22, Band II, Seite 1 f
  7. Franz Flaskamp „Zur Frühgeschichte des Kirchspiels Mastholte“ im 63. Jahresband des historischen Vereins der Grafschaft Ravensberg, Seite 68
  8. Staatsarchiv Münster, Akten Grafschaft Rietberg V 22, Band II, Seite 25 ff
  9. Vergl. Bertling, a.a.O., Seite 85 f
  10. Pfarrchronik St. Jakobus Mastholte, Jahrgang 1917
  11. Pfarrchronik St. Jakobus Mastholte, Jahrgang 1921
  12. Leo Zeller „Die Bau- und Kunstdenkmäler unserer Heimatö in Heimatbuch des Kreises Wiedenbrück, 1955“, ersch. bei Stalling, Oldenburg, Seite 172
  13. Hans Thümmler „Die Stilbildung des Barocks in der Kirchenbaukunst Westfalens“, in „Festgabe für Alois Fuchs“, 1950, Schöningh, Paderborn
  14. Georg Dehio „Handbuch der deutschen Kunstdenkmäler – Westfalen“. 1901, Neubearbeitung 1969, Seite 320
  15. Zeller, a.a.O.
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