Geplante Eisenbahnlinie durch Mastholte. – Strecke: „ Lippstadt – Lage von 1913“

Ein Auszug aus der Präsentation der Mitgliederversammlung 2002 des Heimatvereins

Mastholte, Westenholz, Verl – oder – Kaunitz, Liemke, Schloss Holte und Stukenbrock. Das waren die geplanten Stationen eines Eisenbahnprojekts, das kurz nach der Jahrhundertwende fast realisiert worden wäre.

Was waren die Gründe, eine solche Maßnahme ins Leben zu rufen? Der wirtschaftliche Nutzen ist hier im Vordergrund zu sehen. Verbunden mit der Entlastung von vorhandenen Staats-Eisenbahnstrecken sollte diese Trasse dem fiskalischen Lippe-Kanal und Lippstädter Hafen neue und wichtige Einnahmen zuführen und die Steuerkraft der aufzuschließenden Gebiete heben. Aber auch ein wichtiges Glied in strategischer Hinsicht – für den Aufmarsch der Truppen zur Westgrenze unseres Vaterlandes – hatte man in Betracht gezogen.

Im Gegensatz zu heute wünschte man sich früher dieses Verkehrsmittel, auch aus der Bevölkerung heraus. Denn es brachte sowohl Mobilität, Flexibilität und es bot die Möglichkeit des einfachen Verreisens.

Ein großer Pionier der heimischen Wirtschaftsentwicklung war der Gemeindevorsteher von Mastholte, Heinrich Kaiping. Aus seinem Wirken kann man folgende Ziele ableiten: Den Bürgern von Moese und Mastholte das Leben zu erleichtern und ihnen somit zu steigendem Wohlstand zu verhelfen.

Im Oktober 1905 verfasst Kaiping mit der inhaltlichen Unterstützung des Amtmanns Böckers ein Schriftstück an das Amt Rietberg. Hierdurch sucht er bei einflussreichen Herren von Rietberg Hilfe, dass sie ihn an gehobener Stelle unterstützen mögen. Die Trassenplanung sollte nicht von Lippstadt über Mettinghausen, Westenholz (hier kommen wir später noch einmal drauf) – sondern über Mastholte, Rietberg nach Lage projektiert werden.

Ein halbes Jahr später – am 6. April 1906 erstellt Kaiping eine Aufstellung über die evtl. Rentabilität der angedachten Eisenbahnlinie „Lippstadt – Lage“ für eine Bahnstation Mastholte. In den Gemeinden Möse und Mastholte besteht der Umfang von 19 unterschiedlichen Gewerbebetrieben unter ca. 2.500 Einwohnern.

Hier die lesbare Fassung des Originals:

H. Kaiping

Haus- u. Landwirtschaftl. Maschinen u. Geräte
Ersatzteillager u. Reparaturen
chem. Dünger, Kraftfutter und Sämereien
- Vertreter -
von nur erstklassigen Firmen u. Werken
Fernsprecher: Amt Lippstadt Nr. 85
Telegr.-Adresse: Kaiping, Mastholte-Lippstadt
Mastholte i. W., 6ten April 1906

Dem Amte zu Rietberg übersende ich auf Grund der Besprechung in per anno 28ten März stattgefundenen Ausschusssitzung sowie Ihrer Verfügung E No. 2066 vom 5ten dieses eine durch mich entworfene Aufstellung über die eventuelle Rentabilität projectierten Eisenbahnlinie Lippstadt - Lage für eine Bahnstation Mastholte. In den Gemeinden Mastholte und Möse besteht der Umfang der Gewerbebetriebe unter ca. 2500 Einwohnern

1 Fleischwarenfabrik mit Kraftbetrieb
1 Zementwarenfabrik
1 Faßfabrik mit Dampfbetrieb
1 Dampfbrennerei
3 Getreidemühlen mit zwei Sägewerken
1 Destillation
2 Holzschuhfabriken mit Kraftbetrieb
20 Holzschuhmachereien mit Handbetrieb
2 Handlungen mit chem. Dünger
1 Handlung mit Haus und landwirtschaftl. Maschinen für Gewürz
2 Fleischwarenhandlungen
1 große und 3 kleinere Geflügelhandlungen und Eierhandlungen
5 Viehhandlungen mit erheblichem Versand
3 größere Getreidehandlungen
14 Kolonialwaren-Handlungen
7 Bäckereien
2 Baugeschäfte
11 Schenkwirtschaften
7 Manufakturwarenhandlungen

Ferner eine Anzahl Handwerker verschiedener Art. Es bestehen hier ca. 400 landwirtschaftl. Besitzungen mit ca. 3.000 Hectar (= 12.000 Morgen) kulturfähigen Bodens. Es wird hier eine erhebliche Viehzucht mit großer Einfuhr von Getreide, Kornfutter, chem. Dünger, Steinkohlen, Baumaterialien sowie auch ein erheblicher Versand an Vieh, Heu, Kartoffeln, Gemüse, Obst, Holz und allerlei Landesprodukte unterhalten. Von hier aus allein ohne die Gemeinde Westenholz die auch hier nicht unbedeutend abnehmen und verladen würde, kommt schon voraussichtlich zum Versand

130 Ladungen Vieh
80 Ladungen Holz
35 Ladungen Fässer
40 Ladungen Zementwaren
125 Ladungen Heu
60 Ladungen Kartoffeln und Obst

Das sind ca. 470 Ladungen, ferner etwa 12.000 Stückgut Sendungen an landwirtschaftlichen Produkten Butter, Eier, Geflügel, die vielen Fleischwaren, Obst, Gemüse, Holzschuhen etc.

Und zur Abnahme

250 Ladungen Getreide und Kraftfutter
120 Ladungen chem. Dünger
120 Ladungen Baumaterialien
120 Ladungen Steinkohlen
40 Ladungen Zement und Kies
10 Ladungen T-Träger und Eisenwaren
5 Ladungen Geflügel

Summa 665 Ladungen, ferner etwa 10.000 Stückgut Sendungen an Haus- und landwirtschaftlichen Maschinen, Geräten, Manufaktur, Kolonial- und Waren Tabak, Zigarren, Seifen, Gewürz, Esswaren, Flüssigkeiten, Bier, Sprite, Kurzwaren etc.

Ich bemerke noch, dass die Gemeinde Westenholz etwa 1.600 landwirtschaftl. Einwohner hat.

Der Vorsteher Kaiping

Heinrich Kaiping

Im Dezember 1913 wird eine Denkschrift (Darlegung einer wichtigen Sache an eine Behörde) von dem „Ausschuss für den Bau einer staatlichen Eisenbahn von Lippstadt durch die Dörenschlucht nach Lage in Lippe“ verfasst und an den Staatsminister, Exzellenz Herrn von Breitenbach, nach Berlin gesandt.

Nicht genug des Schriftwechsels: Durch die Denkschrift werden im Mai 1914 die Delbrücker aus einem 10-jährigen Entwicklungsschlaf aufgeweckt. Über das Ergebnis ihrer Bittschrift, die Strecke doch noch über Mettinghausen – Delbrück zu bekommen, liegen mir keine Erkenntnisse vor.

Was unser visionäre Gemeindevorsteher Kaiping bereits 1905 wollte, nämlich seiner Gemeinde zu mehr Wohlstand zu verhelfen, verwarf sein Amtskollege der Nachbarstadt schon in den Anfängen. Kein Interesse!

Die Frage: Warum wurde dieses Projekt nicht umgesetzt?

Vermutlich war der Durchbruch, bzw. die Aufweitung der Dörenschlucht zu dieser Zeit aus finanzieller Sicht nicht durchführbar gewesen – wusste sich der ehemalige Geschäftsführer der „Westfälischen Landes Eisenbahn“ aus der Geschichte. Denkbar, und wahrscheinlicher, ist aber, dass der 1. Weltkrieg, wie bei vielen anderen Eisenbahnprojekten auch, das Aus bedeutete.

Gisbert Schnitker

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